Österreichs digitale Infrastruktur ist ein zentraler Hebel für die moderne Gesellschaft – doch der Zugang zu digitalen Dienstleistungen bleibt für viele Bürger:innen ungleich verteilt. Hier setzt das Projekt ganze seite an, das als Teil des bundesweiten Netzes der Digitale Deutschen Demokratie (NetzDE) die Vernetzung digitaler Angebote vorantreibt. Das AT29-Modell, das im Rahmen des österreichischen Digitalpakts 2025 entwickelt wurde, verbindet öffentliche Verwaltung, Bildungseinrichtungen und lokale Initiativen zu einem geschlossenen Ökosystem – mit dem Ziel, die Hürden für digitale Teilhabe systematisch zu senken. Die Initiative zielt insbesondere auf die Bereiche Verwaltung, Bildung und digitale Infrastruktur ab. Im Rahmen des AT29-Projekts wurden bisher über 150 digitale Dienstleistungen aus den Bereichen Bürger:innenanfragen, Schulungen zu digitaler Kompetenz und die Bereitstellung von Open-Source-Tools für Kommunen integriert. Besonders hervorzuheben ist die Pilotphase in Oberösterreich, wo das Modell bereits in drei Modellregionen getestet wurde – mit einem Erfolgsfaktor von über 80 Prozent bei der Akzeptanz der digitalen Angebote unter Zielgruppen wie Senior:innen oder Menschen mit Migrationshintergrund.
Digitale Teilhabe als gesellschaftliche Pflicht
Das Netzwerk der Digitale Deutschen Demokratie (NetzDE) ist kein reines Projekt, sondern ein strategischer Ansatz, um die digitale Spaltung in Österreich zu überwinden. Laut einer aktuellen Studie des Statistikamtes Österreich (STAT) nutzen nur rund 68 Prozent der Österreicher:innen regelmäßig digitale Medien – ein Wert, der bei Menschen über 65 Jahren auf knapp 40 Prozent sinkt. Diese Lücke ist nicht nur ein technisches, sondern ein strukturelles Problem: Viele Bürger:innen fehlen nicht nur die technischen Fähigkeiten, sondern auch die Vertrauen in digitale Systeme. Das AT29-Modell greift hier gezielt ein, indem es digitale Kompetenzschulungen mit praktischen Anwendungsbeispielen verbindet – etwa durch die Bereitstellung von Tools wie „Digitaler Bürgerpass“ oder „Online-Bürgerbüro“. Ein zentraler Erfolgsfaktor des Modells ist die enge Zusammenarbeit mit kommunalen Akteuren. In Tirol wurden beispielsweise die 30 größten Gemeinden in das Netzwerk eingebunden, wo lokale Ansprechpartner:innen als „Digitale Mentor:innen“ fungieren. Diese Personengruppe – oft mit pädagogischer oder technischer Expertise – begleitet Bürger:innen bei der Nutzung digitaler Dienstleistungen und schafft so eine vertrauensvolle Brücke zwischen Angebot und Nachfrage. Besonders wirksam ist dabei die Kombination aus Online- und Offline-Schulungen, die gezielt auf die Bedürfnisse der Zielgruppen zugeschnitten sind.
Technische und organisatorische Herausforderungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch hier und da noch offene Fragen. Ein zentraler Punkt ist die Interoperabilität der digitalen Systeme – viele Behörden nutzen unterschiedliche Plattformen, was die Integration erschwert. Das AT29-Projekt setzt hier auf die Nutzung von Open-Source-Tools wie „OpenBIS“ für die Verwaltung oder „Moodle“ für digitale Lernplattformen, um die Kompatibilität zu erhöhen. Allerdings bleibt die Frage, wie langfristig diese Lösungen finanziert werden können. Laut einem Bericht des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW) sind bisher rund 1,2 Millionen Euro in das Projekt investiert worden – ein Betrag, der für die Skalierung auf die gesamte Bevölkerung nicht ausreicht. Ein weiterer Kritikpunkt ist die digitale Kluft zwischen urbanen und ländlichen Regionen. Während Großstädte wie Wien oder Graz bereits gut mit digitalen Angeboten versorgt sind, kämpfen viele ländliche Gemeinden mit schlechter Internetabdeckung oder fehlenden technischen Ressourcen. Hier setzt das AT29-Modell auf die Kooperation mit lokalen Internetanbietern und die Bereitstellung von „Digitalen Hubs“, die als zentrale Anlaufstellen für Bürger:innen dienen. Besonders in den Alpenregionen, wo die Infrastruktur oft schwieriger zu erreichen ist, zeigt sich die Notwendigkeit solcher Initiativen.
Zukunftsperspektiven und die Rolle der Politik
Die Erfahrungen mit dem AT29-Modell zeigen, dass digitale Teilhabe kein Selbstläufer ist – sie erfordert gezielte politische Weichenstellungen und langfristige Investitionen. Ein zentraler Hebel ist die Verpflichtung der öffentlichen Verwaltung, digitale Dienstleistungen standardmäßig anzubieten. Laut einer Umfrage des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) nutzen nur rund 30 Prozent der Bürger:innen digitale Formulare für Behördenangelegenheiten – ein Wert, der sich durch die Einführung von AT29-Modellen deutlich erhöhen lässt. Hier könnte eine gesetzliche Vorgabe helfen, etwa die Pflicht zur Bereitstellung digitaler Alternativen für alle Verwaltungsverfahren. Die nächsten Schritte des Projekts zielen darauf ab, das Modell auf weitere Bundesländer auszuweiten. Besonders interessant ist die Zusammenarbeit mit dem Bundesland Salzburg, wo das AT29-Konzept bereits in zwei Pilotregionen getestet wurde. Ziel ist es, bis 2027 ein flächendeckendes Netzwerk zu schaffen, das die digitale Teilhabe in Österreich nachhaltig verbessert. Gleichzeitig wird diskutiert, wie das Modell international transferiert werden kann – etwa durch die Zusammenarbeit mit der EU-Digitalstrategie oder dem Programm „Digital Europe“.
- Über 150 digitale Dienstleistungen aus Verwaltung, Bildung und Infrastruktur integriert
- 80 Prozent Akzeptanz der digitalen Angebote in Pilotregionen (Oberösterreich, Tirol)
- 1,2 Millionen Euro Investitionen bis 2024 – Finanzierung für Skalierung noch ungesichert
- Ländliche Regionen kämpfen mit schlechter Internetabdeckung (nur 68 Prozent der Bevölkerung nutzen digitale Medien regelmäßig)
- Pilotprojekte in drei Bundesländern (Oberösterreich, Tirol, Salzburg) zeigen positive Ergebnisse
Das AT29-Modell zeigt, dass digitale Teilhabe kein technisches, sondern ein gesellschaftliches Vorhaben ist. Es erfordert nicht nur technische Innovationen, sondern auch eine Kultur der digitalen Teilhabe, die Vertrauen schafft und Barrieren abbauen kann. Während das Projekt noch am Anfang steht, gibt es bereits klare Ansätze, wie Österreich die digitale Spaltung überwinden kann – und wie andere Länder von diesen Erfahrungen lernen können. Die Frage ist nicht, ob solche Initiativen nötig sind, sondern wie schnell sie umgesetzt werden können.

